Über mich

Foto: Anna-Lisa Konrad

Berlin-Schöneberg (1971-1981): Drei Mädchen, Kinderbücher in Orangenkisten-Regalen in einem riesigen Altbau-Kinderzimmer. Ich weigere mich, in den Kindergarten zu gehen und passe dafür auf meine kleine Schwester auf. Meine Mutter ist immer da. Sie schreibt Gedichte. Mein kleiner Grundschul-Arbeitsplatz steht neben dem schwer beladenen Schreibtisch meines Vaters, der sein Leben der Wissenschaft widmet. Ich schenke meinen Eltern meine erste selbstverfasste Gedichtsammlung. 1981 wird mein Vater an die Universität Passau berufen. Der erste Umzug.

Passau (1981-1991): Ich überstehe meine erste Beziehung und absurd autoritäre Lehrer. Meine Eltern verhindern, dass ich die Schule zugunsten einer Tanzausbildung abbreche. Englisch wähle ich ab, dafür belege ich Mathe und Wirtschafts- und Rechtslehre als Leistungskurse. In meine Deutschabiklausur (Gedichtinterpretation) komme ich mit einem Rucksack auf dem Rücken, denn am Abend zuvor hatte ich in Berlin ein Vortanzen. Kelvin O. Hardy nimmt mich als Tanzschülerin an, in der Gedichtinterpretation schreibe ich zehn Punkte. So wenig Einfluss kann die Schule auf die spätere Berufswahl haben. „Stiller“ von Max Frisch wird mein Lieblingsbuch. Zweiter Umzug.

Berlin (1991-1993): Ich ziehe zu meiner Grundschulfreundin nach Berlin-Schöneberg und bin eine der ältesten und schlechtesten Schülerinnen unserer Tanzausbildung bei Kelvin O. Hardy. In Berlin entstehen zahlreiche Gedichte sowie ein autobiographischer Roman über das Tanzen und mein damals suboptimales Beziehungskonzept. Sie warten in einem schwarzen Koffer auf dem Dachboden geduldig auf eine Überarbeitung (und Zensur). Unsere Ausbildung bricht zusammen, ich schaffe den Sprung an eine niederländische Kunsthochschule. Dritter Umzug.

Arnhem, NL (1993-1995): Hogeschool voor de Kunsten, Training von 9 bis 17 Uhr und abends Yoga. Eine WG mit der Choreografin Barbara Toma. Wir haben und brauchen nicht viel zum Glücklichsein. Manchmal esse ich ein ganzes Glas Erdnussbutter. Am Ende des Schuljahres wird die gesamte Ausbildungsklasse wegen ungenügender Leistungen im Fach Ballett aufgelöst. Ich darf als freie Studentin mit Schwerpunkt Choreografie bleiben. Ein Lehrer empfiehlt mich an die Martha Graham School in NY. Die Untersuchung für das Visum rettet mir kurz vor dem Koma das Leben. Eine kurze Begegnung mit dem Tod. Reset. Vierter Umzug.

New York (1995-1996): Stipendiatin an der Martha Graham School of Contemporary Dance. Masterclasses. WGs: Brooklyn – eine 8qm-Nische ohne Fenster in einer Loft im Erdgeschoss mit Schaukel im Wohnzimmer; dann Manhattan-Tribeca mit einer Schauspielerin und einer Fotografin, ein Hochbett und ein Nachtkästchen gehören mir, von meinem Fenster aus sehe ich den Himmel und Robert de Niros Apartment. Ich trainiere und arbeite 24/7. Wenn mich ein Lastwagen überfahren würde, denke ich, wäre es okay, weil ich Vieles erreicht habe. Aber die Zeit läuft mir weg und ich vermisse Bücher, Menschen, die nicht tanzen, und ein Leben ohne finanzielle Sorgen. Also kehre ich nach Deutschland zurück, um die Beziehung zu meinem Freund zu retten und zu studieren. Letzteres gelingt. Fünfter Umzug.

Berlin (1996-2004): Einzimmerwohnung in einem Altersheim. Ich teile mir die Dusche mit Hundertjährigen, dann Umzug in meine erste eigene Wohnung in Charlottenburg. Zahlreiche Shows für Vivace Dance Art finanzieren meine Fernreisen, besonderes Erlebnis: als Tänzerin auf einem Kreuzfahrtschiff entlang der Titanic-Route. Studium der Germanistik und Nordamerikanistik. Sofortige Liebe zu den American Short Stories, wachsende Liebe zu Shakespeare, Faible für Novellen des Realismus, expressionistische Lyrik und Schillers Dramen, entdecke meinen Lieblingsautor Alessandro Baricco. In einer Vorlesung lerne ich Nina Eisen kennen, eine großartige Freundin und meine zukünftige Vorlektorin, treffe in einer Sporthalle Simon Sperling, meinen zukünftigen Ehemann und Vater unserer beiden Söhne. Extremes Glück gehabt. Erstes und zweites Staatsexamen, Hochzeit, Geburt unseres ersten Sohnes. Einstellungsstopp für Lehrer in Berlin, Stellenangebot von einem niedersächsischen Gymnasium in einem Dorf, von dem ich noch nie etwas gehört habe, in der Nähe einer Stadt, von der ich noch nie etwas gehört habe. Sechster Umzug.

Nordhorn (2004-2009): Doppelhaushälfte mit Garage und kleinem Garten, Verbeamtung auf Lebenszeit, Zusatzstudium des Faches Darstellendes Spiel, Geburt unseres zweiten Sohnes. Ich entwickle eine Schwäche für Jugendromane. Wir sind eigentlich glücklich, aber wollten wir das wirklich? Bewerbung in den Auslandsschuldienst. Siebter Umzug.

Schinnen, NL (2009-2012): Leben in einem hundert Jahre alten Jugendstilhaus. Beruflich habe ich Einblick in Dinge, über die ich weder schreiben darf noch will. Erkenntnis: Arbeit, die sehr viel Geld einbringt, beruht entweder auf einer wirklich genialen, höchst riskanten oder zutiefst unmoralischen Idee. Ich beginne zu schreiben, um die Situation auszuhalten. Mein erster Roman entsteht: „Tiefenwelt“ – eine Dystopie. 2012 nimmt mich die Literaturagentur antas-bindermann-listau unter Vertrag. Wir kehren geläutert nach Nordhorn zurück. Achter Umzug.

Nordhorn (2012-?): Wieder an meiner alten, sehr geliebten Schule. Schreiben gehört jetzt zu meinem Leben. Wenn ich nicht schreibe, explodiere oder implodiere ich, auf jeden Fall werde ich unleidlich. Also schreibe ich: fünf Jugendromane und neun Theaterstücke, die beim Deutschen Theaterverlag und beim Karl Mahnke Verlag unter Vertrag gehen. 2015 entdecke ich den Poetry Slam. Völlig geflasht versuche ich mich an meinen ersten beiden Slamtexten. „Was ich meinen Söhnen nie selber sagen würde“ und „Sezierung“ katapultieren mich mitten in die Szene, auf Bühnen in ganz Deutschland, ins Finale der niedersächsischen Meisterschaften und ins Halbfinale der deutschen Meisterschaften. Und endlich – nach vielen Jahren harter Arbeit und Zweifeln – erscheinen auch meine Romane: im Lektora Verlag und im Drachenmond Verlag.

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