#6: Love in Progress 2

„Eine Freundschaft ist kein Geben und Nehmen.“

Wie ich gelernt habe, (fast) nicht mehr abzurechnen.

Lebenslange Freundschaften formen uns, geben uns Halt und machen viele Momente fröhlicher und manche weniger beängstigend. Neben gegenseitiger Bewunderung für das, was den anderen ausmacht, und einem in Gesprächen aktivem Interesse am Leben des/r anderen, gehört meiner Meinung nach auch (materielle) Großzügigkeit zu tiefen Freundschaften.

In der Grafschaft Bentheim – unserer Wahlheimat – besuchen wir einander gerne spontan für einen kleinen Plausch. Es gibt immer ein „Komm doch kurz rein“ und für den Gast einen Milchkaffee. Bei Einladungen bringen die Gäste mehr Geschenke mit als ansatzweise „erwartet“ und die Gastgebenden tischen viel großzügiger auf als vereinbart. Das führt dazu, dass immer viel zu viel gegessen und getrunken, viel zu lang in die Nacht hinein geredet und wahnsinnig viel gelacht wird – ich liebe das. Aber nicht alle Menschen haben die finanziellen Möglichkeiten, großzügig zu schenken oder aufzutischen, magst du jetzt vielleicht denken. Ich würde dir recht geben, käme diese Großzügigkeit nicht nur, aber oft von den Menschen, deren Geldbeutel nicht so prall gefüllt ist.

Großzügigkeit ist unabhängig von Einkommen und Sparsamkeit

Sie hat eben nichts mit den jeweiligen Einkommensverhältnissen zu tun, sondern resultiert vielmehr aus dem Bedürfnis heraus, es den Gästen richtig schön zu machen und den Gastgebenden besonderen Dank zu erweisen. Sie schließt auch kein prinzipiell sparsames Leben aus, sondern bedeutet lediglich, dass wir vielleicht für uns selbst, aber eben nicht an unseren Mitmenschen sparen.

Ich war lange Zeit meines Lebens ein geiziger Mensch, habe beim gemeinsamen Essen genau abgerechnet, mich durch den Kühlschrank anderer Menschen gefressen, großzügige Geschenke haben mich unter Druck gesetzt, denn auch ich selbst habe lieber weniger geschenkt als zu viel. Der erste Mensch, der mir gezeigt hat, dass das Gegenteil viel glücklicher macht, war meine Freundin zu Berliner und New Yorker Tanzzeiten. Ihre Eltern waren Gastarbeiter aus Kroatien – die Mutter stand am Fließband, der Vater auf dem Bau, das Geld war immer knapp. Kam ich zu Besuch, gab es Essensberge, wie ich sie noch nie bei einer Einladung gesehen hatte. Was nicht aufgegessen wurde, bekam ich tütenweise mit nach Hause – für morgen und übermorgen und für überhaupt. Eine ähnliche Kultur des miteinander Lebens und einander Gebens habe ich auch bei polnischen, griechischen, iranischen, italienischen Einladungen erfahren.

Großzügigkeit hat eher etwas mit Wollen als mit Können zu tun.

Eben diese kroatische Freundin hat mich auch vor fast dreißig Jahren gelehrt, in Freundschaften nicht abzurechnen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie wir an der Kasse eines Supermarktes standen – beide am Existenzminimum lebende Tänzerinnen Anfang zwanzig. Ich hatte nicht genug Geld dabei, sie zahlte den Einkauf, ich versuchte genau auszurechnen, was ich ihr schuldig war, um ihr das Geld zu Hause zurückzugeben. Sie war sichtlich empört, erzählte mir, wie deutsch das sei, immer abzurechnen und die Rechnung aufzuteilen. Es sei ihr viel zu mühselig, alles miteinander zu verrechnen, und sie vertraue darauf, dass sich am Ende alles ausgleiche. Und wenn es sich nicht ausgleiche, sei ihr das auch egal. Das zu lernen, war für mich ein langer Prozess. Es bedeutete, meine Sparsamkeit nicht auf die gemeinsame Zeit mit Freund:innen zu übertragen, und meine Angst abzulegen, finanziell ausgenutzt zu werden. Ich muss gestehen, dass ich nie aufgehört habe, ein wenig mitzurechnen: Die meisten Menschen um uns herum bringen immer beschämend viel mit auf Partys und es sind nie die mit dem kleinen Budget, die – huch – wirklich aus Versehen die Flasche Sekt zuhause auf dem Tisch stehen lassen. Das macht nichts, wirklich nicht, denn andere haben ja umso mehr mitgebracht. Wie gesagt – die Freundin mit kroatischen Wurzeln würde nicht einmal das registrieren. Es wäre ihr egal. Ich rechne leider doch noch ein wenig mit und stelle fest, dass sich am Ende wirklich immer alles ausgleicht. Oft auch in immaterieller Form:

Geld macht Geizige nicht glücklich.

Die Grafschafter haben uns übrigens noch eine ganz andere Form der materiellen Großzügigkeit gelehrt: Hier helfen die Menschen einander auch beim Renovieren, Umbauen, Ein- und Umziehen und auch das ist letztendlich materielle Großzügigkeit, weil wir unsere Zeit zur Verfügung stellen und gemeinsam anpacken. Profis werden nur dann geholt, wenn der Freundeskreis nicht aushelfen kann. Und die Stunde eines Tischlers ist ebenso viel wert wie die Stunde des Rechtsanwalts, denn hier geht es nicht um einen gesellschaftlich anerkannten Stundenlohn, sondern um Zeit, die wir einander schenken. Menschen, die immer und überall sofort zur Stelle sind, nennen wir „Grafschafter Gold“. Seit ich mit meinem über zwei Meter großen, muskulösen und unglaublich gutmütigen Zimmerer zusammen bin, staune ich übrigens immer wieder darüber, wie viele emotional verarmte Menschen (meist Männer) mit Arroganz auf Handwerker reagieren, aber sich durchaus gerne kostenlos als „Freundschaftsdienst“ einen Küchenschrank einbauen lassen. Sorry, du musst den Handwerker schon bezahlen, wenn deine Arroganz nur Freundschaften in der upper class zulässt.

Am Mangel genau dieser Art von Großzügigkeit erkenne ich übrigens auch die Menschen, die in der völlig absurden und selbstbeweihräuchernden Vorstellung leben, dass sie sehr großzügig wären, wenn sie denn nur etwas mehr Geld hätten. Wer für jedes Gespräch und jede kleine Hilfe Termine vergibt, die vor allem in den eigenen erstaunlich unflexiblen Kalender passen, ist nicht großzügig. Wir schenken einander in Freundschaften nämlich vor allem Zeit, ja, auch dann, wenn es gerade terminlich nicht so gut passt, und Mühe, ja, auch dann, wenn wir gerade selbst viel zu tun haben, und Verständnis, ja, auch dann, wenn es uns gerade selbst schlecht geht. Finanzielle Aufwendungen sind nur eine von vielen Möglichkeiten zu schenken. Menschen, die mit Geld und Zeit geizen (und ich spreche nicht von Sparsamkeit und nicht von Menschen, die von der Hand in den Mund leben), haben sicherlich auch so etwas wie Freundschaften, aber ich bin mir ganz sicher, dass da etwas Entscheidendes fehlt. Eine Freundschaft ist kein Geben und Nehmen.

Eine Freundschaft ist ein Geben und Geben.

Weil es beiden Freude macht. So einfach ist das. So zu denken und so zu leben, lässt sich lernen, die Grafschafter Großzügigkeit beschämt uns immer wieder und meine Freundin wird mich immer wieder in Situationen bringen, in denen ich erkennen muss, wie kleinherzig ich bin, aber ich arbeite dran – love in progress eben :-). In unserem Haus wird es hoffentlich immer einen spontanen Milchkaffee geben und Dolce-Vita-Pizza-Abende, ein Gästezimmer für Gestrandete und ein Plätzchen zum Reden auf unserer Couch. Denn das macht uns glücklich. So einfach ist das.

#5: Love in Progress 1

Ich glaube schon lange nicht mehr an Zufälle: Diese Karte erhielten wir, während ich an diesem Blogeintrag schrieb,

Durch meine vielen Umzüge und durch die drei Berufe, die ich erlernt habe, war ich gezwungen, immer wieder neue Kontakte zu knüpfen. Aus diesen Kontakten sind viele intensive Freundschaften entstanden, die – wie ich vor einigen Jahren festgestellt habe – alle auf einer bestimmten „Architektur“ basieren. In den folgenden Beiträgen beschäftige ich mich mit den fünf Grundpfeilern der Freundschaft. Ich glaube, es ist gut, sich immer wieder bewusst zu machen, was Freundschaften ausmacht, warum Freundschaften scheitern und was wir selbst zu ihrem Wachstum oder ihrem Scheitern beitragen.

Die ersten beiden Grundpfeiler

Wenn ich mit meinen Freund:innen telefoniere oder sie treffe, zeichnen sich unsere Gespräche durch ein wirklich schön ausbalanciertes, gegenseitiges Zuhören und Nachfragen aus. Sie sind ein Weißt-du-noch-damals? Ein Wie-geht-es-uns-beiden-gerade? Und ein Was-werden-wir-tun? Es sind die Gemeinsamkeiten und gemeinsamen Erinnerungen, die uns verbinden, und es sind die Unterschiede in unseren Lebens-, Denk- und Handlungsmodellen, die unsere Gespräche abwechslungsreich und inspirierend machen. Meine Berliner Grundschulfreundin (it’s been more than 40 years…) ist zum Beispiel unfassbar freundlich und gutmütig, geradlinig und ausgeglichen, sie sagt nie „fuck“ oder „Scheiße“, sie ist nie in ihrem Leben schwarzgefahren (das finde ich als ehemalige Berlinerin wirklich bewundernswert), sie hat sich aus finanziell schwierigsten Verhältnissen herausgearbeitet und sie braucht kein social media – was ich ziemlich cool finde. Aufgrund all unserer Gespräche kenne ich das „Gesamtpaket“ – ihre Familien-, Beziehungs- und Karrieregeschichten. Und dann sitze ich vor ihr und zergehe, ja wirklich, ich zergehe vor neidfreier Bewunderung: für den Kleidungsstil, den sie für sich gefunden hat, für die minimalistische Innendekoration ihres Hauses, für die ansteckende Ruhe, die sie ausstrahlt, für ihre 100%ige Integrität, für die Bedachtheit, mit der sie alle ihre Entscheidungen fällt, für die wertschätzende Art, mit der sie über ihre Mitmenschen spricht, und ich denke, wow, was für eine Frau, was für ein Mensch!

Meine Bewunderung hat natürlich nichts mit Geld oder Karriere oder einem akademischen Bildungsweg zu tun. Im Gegenteil, meine Bewunderung gilt vor allem dem, was ich selbst nicht bin, nicht kann oder nicht lebe: zum Beispiel grenzenlosem Optimismus, fast kindlicher Lebensfreude, bedachter Geradlinigkeit, streetwisem Allgemeinwissen, kompromissloser Ehrlichkeit, selbstloser Empathie und und und.

Glücklicherweise spüre ich bei jedem Gespräch, dass auch meine Freundin dieses Interesse und diese Bewunderung für mich aufbringt. Das liegt an dieser angenehmen Gesprächsbalance, an ihren Nachfragen, die mir Raum geben, etwas von mir zu erzählen, und ihren Anmerkungen, mit denen sie mir ihr aufrichtiges Interesse und ihre liebevolle Wertschätzung entgegenbringt. Ich glaube inzwischen allerdings wirklich, dass es Menschen gibt, die das nicht können und nicht lernen wollen:

Die No-goes

Aufrichtiges Interesse und Wertschätzung schließen ein Kommunikationsverhalten aus, auf das ich entweder zunehmend allergisch reagiere oder das eine sich schleichend ausbreitende Erwachsenenkrankheit zu sein scheint. Oder beides.

a) Einseitige Monologe ohne Rücksicht auf mein Gegenüber

Und sei das Gesagte meines Gegenübers noch so interessant, irgendwann brauche ich das Gefühl, dass mein Gegenüber sich auch für mein Leben interessiert. Besonders empfindlich reagiere ich auf Menschen, die ununterbrochen über ihre eigenen Kinder reden, in der Regel übrigens, ohne sich nach meinen zu erkundigen. Ich finde es erstaunlich, dass Menschen permanent über etwas sprechen, das sie im Leben anderer Menschen offensichtlich überhaupt nicht interessiert. Mal ganz abgesehen davon, dass ich mich mit anderen Erwachsenen ohnehin nicht den ganzen Tag über Kinder unterhalten möchte, denn kein Mensch ist „nur“ Eltern.

Dies gilt ebenso für ungefragte Endlosmonologe über das eigene Berufsleben. Auch hier denke ich, dass unser Beruf nur einen Teil unseres Lebens ausmacht. Außerdem ist das Fachwissen keines Menschen dauerhaft interessanter als das eines anderen. Oft sind es ja die persönliche Zufriedenheit, der Umgang mit den Mitmenschen und berufliche Zukunftsvisionen, die den (Beruf des) anderen spannend machen. Und dazu haben alle Menschen etwas Interessantes zu berichten, egal wie hoch Einkommen und Bildungsgrad sind.

Befremdlich finde ich auch die Menschen, die zum Beispiel (und das ist mir unzählige Mal passiert) im Detail darüber referieren, welch aufregende Stadt New York ist, weil sie dort fünf Tage Urlaub gemacht haben, oder mir einen ausführlichen Vortrag über die Korrekturmiseren des Lehrerberufs halten. Ich habe über ein Jahr in New York gelebt und ich bin Lehrerin, auch wenn viele Menschen mich in für meinen Beruf eher unüblichen Kontexten treffen. Bevor ich zu einem Monolog ansetze, sollte ich vielleicht mal den Wissensstand meines Gegenübers abchecken, sonst wird es peinlich.

b) Als „Ratschlag“ verpacktes Desinteresse

Und dann sind da noch die Menschen, die jedes Wort aus deinem Mund als Schlagwort für eine eigene Geschichte nutzen und auch jedes deiner erzählten Probleme mit einer eigenen Story „überbieten“. Was sich vielleicht anfühlt wie ein empathischer Ratschlag aufrund von ähnlichen Erfahrungen, ist bei diesen Menschen oft nur ein weiteres Mal die „egoistische Beanspruchung“ von Aufmerksamkeit und Redezeit. Natürlich hoffe ich, dass mein Gegenüber das Problem noch einmal aus einer anderen Perspektive beleuchten kann, oft aber führen ja erst das kritisch-interessierte Nachfragen und das gemeinsame Durchspielen von Lösungen zu einem hilfreichen Ratschlag. Und jeder Mensch mit Einfühlungsvermögen und der Bereitschaft wirklich zuzuhören, kann zumindest dabei helfen, das Geschehene zu überdenken, Gedanken zu sortieren und Handlungsmöglichkeiten durchzuspielen.

Selbstkritik

Ausbalanciertes Interesse und neidfreie Bewunderung sind für mich die ersten beiden Grundpfeiler einer lebenslangen Freundschaft. Bricht einer der Pfeiler weg, wird es schwierig. Deswegen hege ich auch oft Selbstzweifel, denn ich musste erst mühselig lernen, mich zurückzunehmen und zuzuhören, und ich steigere mich ab und zu ohne Rücksicht auf mein Gegenüber verbal in Themen hinein. Wie in einer funktionierenden Partnerschaft hinterfrage ich aber auch immer wieder, ob ich meinen eigenen Ansprüchen gerecht werde, und ich versuche, an meinen Schwächen zu arbeiten. Love in progress eben.

Und ihr?

Und ihr? Bewundert ihr auch all eure Freund:innen? Oder worin liegt der Kern eurer Freundschaften? Und wie geht ihr mit den Monologen eurer Mitmenschen um? Könnt ihr mit einem Menschen befreundet sein, obwohl dieser permanent nur von sich erzählt? Vielleicht empfindet ihr das gar nicht als No-go? Und wie reguliert ihr den Drang, zu viel von euch selbst zu erzählen?

Im nächsten Blogeintrag geht es um einen weiteren (wohl eher umstrittenen) Grundpfeiler: die Großzügigkeit.

#4: Kunst ist in uns

Das Foto ist leider ein Fake: Ich spiele nicht mehr auf meinem Flügel, das tun andere. Eine meiner Ausdrucksformen seht ihr auf den Bildern an der Wand.

„Mein Kind muss ein Instrument spielen, egal welches.“

Wirklich?!

Das ist noch immer eine weit verbreitete elterliche Vorstellung in unserem Verwandten- und Freundeskreis und meiner Meinung nach ein überdenkenswerter, weil letztendlich ziemlich engstirniger und pseudo-künstlerischer Anspruch an das eigene Kind.

Vor Jahren war ich selbst mit dem hausgemachten Problem konfrontiert: „Natürlich“ sollten meine Kinder ein Instrument lernen, aber mein einer Sohn hatte keine Lust und der andere hatte weder Lust noch Talent, das tägliche Üben war ein einziger K(r)ampf. Also war ich gezwungen, dieses ungeschriebene, bildungsbürgerliche Gesetz zu überdenken. Was hat der obligatorische Flöten- und Klavierunterricht eigentlich bei uns drei Schwestern bewirkt? Die erste hat viele Talente, aber Musik gehört nicht dazu, die zweite hatte musikalisches Talent, aber so wenig Lust, dass sie das Klavier nach dem Abi praktisch nicht mehr angefasst hat, die dritte wechselte viermal das Instrument, spielt heute ein bisschen Gitarre und auf dem Schrank meiner Eltern staubt ein Hackbrett ein. Eine magere Ausbeute für jahrelanges Rumgenörgel, viel investiertes Geld, unmotiviertes Geklimper, genervte Eltern und frustrierte Musiklehrer*innen.

Ach, komm schon!

Wie wäre es dann wenigstens mit zwei Jahren Unterricht in einem Instrument, das mein Kind selbst wählen darf? So lernt es Noten, Akkorde, Tonarten und Musikrichtungen. All das lernt es allerdings auch im schulischen Musikunterricht. Es sagt ja auch kein Elternteil: „Mein Kind muss auf jeden Fall zwei Jahre irgendeine Maltechnik erlernen und jeden Tag ordentlich üben – Öl, Pastell, Kreidezeichnung, egal – Hauptsache, es kann dann malen.“ Nein, denn dafür gibt es ja den Kunstunterricht. Ja, was denn dann?

Eine Runde „Klimperkiste“ (jedes Instrument wird eine Stunde aktiv ausprobiert) für den Nachwuchs ist eine gute Sache. Wenn das Kind weitermachen will, toll. Wenn das Kind in der Musik ein leidenschaftliches Ausdrucksmittel findet, großartig. Mein Klavierlehrer hatte damals einige wenige Schüler*innen, die manch schwere Situationen nicht ohne das Klavier überlebt hätten, die jeden Tag zwei Stunden inbrünstig geübt haben. Diese Art von Symbiose spüren wir früh, sie lässt sich aber nicht erzwingen noch ein Leben lang unterdrücken. Und wenn mein Kind Musiker*in werden will? Moment mal, du solltest schön Klavier spielen, aber eine brotlose Kunst als Beruf? So war das nicht gemeint! Und was, wenn das Kind sich für gar kein Instrument begeistern kann? Dann lernt es eben keins. Schade für die Musiklehrer*innen, die sich darüber beklagen, dass kaum noch ein Kind ein Instrument spielt, aber definitiv gut für den Rest, denn Musik ist nur EINE sinngebende Kunstform von vielen,

EINE Ausdrucksform von vielen

Es gilt also, eine andere Kunstform für mein Kind zu finden. Vielleicht will mein Kind lieber zeichnen? Findet seine Leidenschaft im Schauspielern? Liebt das Tanzen? Hat Lust alles, was ihm begegnet, zu fotografieren? Die Gedanken, die es in sich trägt, niederzuschreiben? Seine Gefühle aus sich herauszusingen? Weitergedacht heißt das: Jedes Kind sollte eine Kunstform für sich finden, sie erlernen und praktizieren. Eine Kunstform, mit der es sich ausdrücken, austoben, abreagieren, aufbauen, ergründen und immer wieder neu erfinden kann. Indem wir möglichst viele unterschiedliche Angebote machen, geben wir unserem Kind die Chance, eine passende Kunstform für sich zu entdecken. Die „Klimperkiste“ ist also genauso gut wie der Malworkshop in den Sommerferien und die Schnupperstunde im Kindertanz. Findet unser Kind sein künsterlisches Zuhause, kämpfen wir nicht mehr gegen widerspenstige Faulheit und Lustlosigkeit an, sondern dürfen beobachten, wie unser Kind in einer Kunstform (oder auch mehreren) arbeitet, vorankommt, aufgeht, Sinn entdeckt und versinkt! Ausrufezeichen. Roter Pinselstrich über das ganze Blatt. Spagatsprung mit Verbeugung. Schlussakkord in C-Dur. Schwarz-weiß Foto einer Pianistin, die kein Klavier spielt. Ganz egal – du weißt, was ich meine.

Und du?

Und du? Hast du selbst eine Kunstform gefunden, in der du dich ausdrücken kannst? Wenn ja, welche? Und wenn nein, finde sie! Denn in einem bin ich mir sicher: Natürlich ist nicht jeder Mensch ein Künstler, aber irgendwo da draußen in der Welt gibt es für jeden Menschen eine Kunst – oder besser gesagt: irgendwo in uns drinnen. Kunst ist ein Teil von uns. Kunst gibt uns ein inneres Zuhause.

#3 Arbery und Floyd

Bild: Facebook

Die Frage ist nicht: Wie laut kann ich schreien? Die Frage ist: Was kann ich tun?

Der Afro-Amerikaner Ahmaud Arbery wird am 23. Februar 2020 von einem ehemaligen weißen Polizisten und dessen Sohn erschossen. Ein Aufschrei geht durch die Medien. Wir sind wütend und traurig. Wir fordern Gerechtigkeit und Veränderung. Drei Monate später läuft die Aufklärung des Falls immer noch schleppend. Ein wenig Gras wächst gerade drüber. Unsere Gedanken sind schon wieder ganz woanders, doch dann wird am 20. Mai 2020 der Schwarze George Floyd auf brutale Weise von rassistischen Polizisten ermordet. Ein Aufschrei geht durch die Medien. Wir sind wütend und traurig. Wir fordern Gerechtigkeit und Veränderung. Aber irgendwann ist die Frage nicht mehr: Wie wütend bin ich und wie laut kann ich das in die Netzwerke schreien? Die Frage ist, was ich persönlich im Moment tun kann.

Also gebe ich meinem Kurs Darstellendes Spiel je einen Zeitungsartikel zu den beiden Morden mit der Aufgabe, das Geschehene als Theaterszene zu inszenieren. Allerdings darf das Publikum von der Handlung NICHT emotional berührt werden, sondern muss das Gesehene mit klarem Verstand analysieren können, um dann das eigene Handeln zu überdenken und zu verändern. (Ansatz: Bertold Brecht)

Erkenntnis #1: Wir brauchen emotionalen Abstand, um klar zu denken. „Wie kann man von so etwas Schrecklichem nicht betroffen sein“, fragt eine Schülerin aufgebracht. Sie hat sich am Tag zuvor das 8-minütige Video des Mordes angesehen. „Tut mir leid, aber das kann ich nicht.“ Ein Großteil der Schüler*innen entscheidet sich deshalb für eine Szene über Arberys Ermordung vor drei Monaten. Kein Wunder. Offensichtlich müssen wir Dinge erst einmal fühlen, damit sie uns wachrütteln, dann aber müssen wir etwas Abstand gewinnen, um klare Gedanken fassen zu können.

Erkenntnis #2: Es geht um mehr als „Fuck racism“. Die Schüler*innen sind sich einig, dass die Message „Rassismus ist scheiße“ lauten muss. Das ist allerdings ein bisschen wenig, denn das denken die meisten Menschen hoffentlich ohnehin schon, wenn sie unsere Vorstellung betreten, wir würden also keine Veränderung bewirken mit unserem Stück. Unsere Aufgabe ist es, deutlich mehr aufzuzeigen als „Fuck racism“. Die Schüler*innen beginnen zu arbeiten, in diesem Fall heißt das nachzudenken.

Erkenntnis #3: Ich bin zu weit gegangen. „Wie kann ich den brutalen Mord an einem Unschuldigen denn bitte so darstellen, dass der Zuschauende kein Mitleid empfindet?“, fragt eine andere Schülerin frustriert. „Und ist das überhaupt erstrebenswert?“, ergänze ich insgeheim. Denn genau deswegen fand ich Brechts „episches Theater“ immer zu kopfgesteuert, zu gefühlskalt und irgendwie am Menschen vorbei. Brecht zwingt das Publikum mit dem Einsatz von Verfremdungseffekten zu emotionaler Distanz: Die Schauspieler*innen verlassen zum Beispiel einfach ihre Rollen für einen direkten Appell oder einen kritischen Kommentar zum Geschehen; Plakate, Banner und Videos leisten Ähnliches. Der Unterricht droht zu kippen, ich denke, ich bin zu weit gegangen. Es ist unmoralisch, George Floyds grausamen Tod zu einer Stunde über Brechts Theateransatz zu machen. Was habe ich mir bloß dabei gedacht? Dann aber zeigen mir zwei Inszenierungsideen aus dem Kurs, was emotionale Distanz in der Kunst für eine Wirkung entfalten kann:

Erkenntnis #4: Verharmlosung – Arbery joggt auf einem Laufband, hinter ihm läuft das Video einer Cartoon-Landschaft in bunten Farben. Über Lautsprecher kommentieren zwei männliche Stimmen, wie „abartig“ und „zum Kotzen“ das sei. Dann betreten zwei weiße Männer die Bühne. Arbery stolpert und fällt. Kurz ist es still, bis die weißen Männer anfangen zu lachen. Arbery lacht mit, steht wieder auf. Der Schauspieler sagt: „Arbery ist nur gestolpert“ und geht. Samuel Neubauers Ansatz bringt das Problem der Verharmlosung von rassistischen Morden in der Öffentlichkeit und in der Ermittlung auf den Punkt.

Erkenntnis #5: Erziehung – Drei Kinder spielen miteinander Fangen. Die zwei weißen Jungs sind als Polizisten verkleidet und jagen den schwarzen Jungen. Sie erschießen ihn mit ihren Wasserpistolen. Der Junge stellt sich tot, dann steht er auf und das Spiel geht weiter. Das Video des Mordes an Arbery wird eingeblendet. Das scheinbar harmlose Kinderspiel wird Jahre später fürchterliche Konsequenzen haben. Delal Fakioglus Inszenierungsidee zeigt, dass die Bekämpfung von Rassismus in der Erziehung anfängt und wir schon ganz früh zu Mitgefühl, Toleranz und Achtsamkeit erziehen müssen.

Fazit

Wut und Trauer lassen uns laut nach Veränderung schreien, aber damit haben wir noch nichts bewirkt. Wenn wir uns emotional gefasst haben, müssen wir erfahrene Missstände gezielt und mit Verstand aufarbeiten, um unsere Gesellschaft nachhaltig zu verändern. Schule ist ein Raum dafür, denn dort sitzen die Denker*innen von morgen und haben jetzt schon geniale Ideen. Die Kunst ist nur eine Möglichkeit von vielen.

Wer auch immer du bist, was auch immer du tust, auch in deinem Rahmen hast du die Möglichkeit, Dinge zu verändern, die dich wütend und traurig machen – und zwar so:

Feel, think, create, share.

#2 Kämpfen statt fliehen

10 Tipps gegen Lampenfieber und Prüfungsangst

Ob wir live auf einer Bühne performen, in einer mündlichen Prüfung sitzen oder ob wir gerade kritische Menschen von unserer Kompetenz überzeugen müssen, wir befinden uns alle in einer ähnlichen Situation: Trotz bester Vorbereitung haben wir Angst, dass unsere „Performance“ in diesem entscheidenden Moment nicht perfekt funktioniert oder wir sogar völlig versagen. Wir beginnen zu schwitzen, unsere Hände zittern, unsere Knie werden weich, unser Herz rast und unser Verdauungstrakt droht mit spontaner Entleerung.

Was passiert da gerade mit uns?

Unser „Lampenfieber“ führt zur Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin, das binnen Sekunden körperliche Energiereserven freisetzt, um unsere „Überlebenschance“ in Gefahrensituationen zu erhöhen. Das heißt, es kurbelt Verdauungstrakt, Schweißdrüsen, Herzschlag und Atmung an, damit wir schneller „wegrennen“ oder „angreifen“ können (fight-or-flight response). Wenn wird nicht aus der Prüfungssituation oder von der Bühne rennen wollen, dann müssen wir wohl kämpfen.

Aber die Kombination aus Versagensängsten und Kontrollverlust über den Körper ist kann extrem unangenehm und manchmal sogar zur self-fulfilling prophecy werden. Dann stehen wir tatsächlich da und haben ein Black out, verhaspeln uns permanent oder stellen noch während der Performance enttäuscht fest, wie schlecht diese gerade ist.

Wie ihr dagegen ankämpfen könnt

Wie ihr dagegen ankämpfen könnt, zeige ich euch hier! Denn bei mir war das Lampenfieber vor mündlichen Prüfungen und Auftritten so unerträglich groß, dass ich mich wiederholt coachen lassen musste, um meine Angst in kontrollierbare Bahnen zu lenken. Inzwischen kann ich auftreten, ohne zwei Tage vorher völlig durchzudrehen, ich kann in Konferenzen sprechen, ohne rot zu werden, und in mündlichen Prüfungen das abliefern, was ich vorbereitet habe. Was ich mir dank der Ratschläge meiner Mentaltrainer*innen und Bühnen-Kolleg*innen (in den Klammern mit Dank erwähnt) über viele Jahre hart erarbeitet habe, könnt ihr viel schneller lernen, wenn ihr euch die folgenden 10 Tipps zu Herzen nehmt!

10 Tipps von Profis

Tipp 1) Prob deinen Vortrag in einer Situation, die dir zusätzliche Konzentration abfordert. Simeon Buß gab mir den Tipp, meine Texte während des Duschens aufzusagen, ihr könnt auch bügeln, aufräumen, eure Pflanzen gießen… . Inzwischen probe ich vor dem Spiegel, denn mir selbst beim Vortragen zuzusehen, empfinde ich als extremen Störfaktor.

Tipp 2) Finde und praktiziere deinen persönlichen Glaubenssatz. Dieser Satz ist in der Regel das POSITIVE Gegenteil von einem defizitären Grundgefühl, das dich ein Leben lang in deinen Handlungen beeinflusst (Gabriele S.): In meinem Fall muss ich das Grundgefühl „Ich reiche nie aus“ immer wieder in ein „Ich bin gut genug“ umwandeln. Oder dein Glaubenssatz ist die Formulierung deiner persönlichen Zielsetzung: Vor meinen ersten Auftritten half mir der Glaubenssatz „Ich möchte die Menschen berühren“ auf die Bühne (Hendrik Höfken).

3) Körperliche Nervosität kannst du durch äußerliche Hilfsmittel reduzieren. Wähle bequeme, zum Anlass passende Wohlfühlkleidung, sodass du nicht an deiner Kleidung herumzupfen musst, dich plötzlich over- oder underdressed fühlst oder dir selbst fremd bist. Trage ein Oberteil, das deine Schweißflecken kaschiert. Pack ein, was du eventuell benötigst: Taschentücher, Puder, Tampons, Traubenzucker und eine feste Unterlage für dein Skript (Tipp von Ken Yamamoto), damit deine Hände beim Vortrag weniger zittern.

4) Zieh dich unmittelbar vor der Performance zurück, um Ruhe und Kraft zu sammeln. Konzentriere dich auf dich selbst, indem du dich hinsetzt oder auf- und abgehst, während du dich mit den folgenden Wahrheiten beruhigst:

Foto: Sebastian Hahn

5) Es macht nichts, wenn trotz bester Vorbereitung etwas nicht perfekt läuft, denn Fehler sind auch auf der Bühne menschlich (Pianistin Heike Knief). In vielen Situationen zeigen kleine Fehler einfach, dass dir die Situation und die Zuhörenden nicht egal sind. Durch kleine Fehler wirkst du nahbar statt arrogant. Du kannst nämlich davon ausgehen, dass die Zuhörer*innen deinem Vortrag aufmerksam und interessiert folgen, dir nichts Böses wollen und Verständnis für kleinere Unzulänglichkeiten haben. Der bekannte Tipp „Stell dir die Zuhörer*innen einfach nackt vor!“ ist deshalb völlig unnötig. Ich zumindest könnte mich dann sowieso nicht mehr konzentrieren.

6) Sobald du dich mental beruhigt hast, „automatisiere“ die ersten Sätze oder Verse deines Vortrags, indem du sie IMMER WIEDER durchgehst (im Kopf oder laut). So überwindest du den größten Moment der Nervosität am Anfang deines Vortrags mit trainierter Sicherheit. Der Rest läuft dann von allein. (Simeon Buß)

7) Betritt den Performance-/Prüfungsraum selbstsicher und zielstrebig, indem du deinen Glaubenssatz imaginär in deiner geballten Faust „mitnimmst“. Spiele diesen „geballten“ Auftritt bewusst einige Male durch (Hendrik Höfken).

8) Sobald du auf Position stehst oder sitzt, „verankere“ deine Füße bewusst hüftbreit im Boden und platziere deine Hände: Leg IN RUHE dein Skript zurecht, stelle das Mikrofon in die passende Position (Ken Yamamoto) oder lege deine Hände bedacht in deinen Schoß. So sammelst du noch einmal deine Konzentration, obwohl du bereits mitten in der Performance-Situation stehst. Auch das hast du natürlich vorher mehrfach geprobt.

Hier seht ihr, wie ich auf meiner ersten Meisterschaft Hände und Füße bewusst platziere.

9) Nutze die Begrüßung der Zuhörenden dazu, dich im Raum zu orientieren und einen Ruhepunkt für deine Augen zu suchen. Bei großem Publikum kannst du deinen Blick auf drei im Raum verteilte Stuhllehnen oder ein wenig über die Köpfe der Menschen richten (Özge Cakirbey). Niemand erkennt aus der Entfernung, dass du eigentlich an den Menschen vorbeisiehst, und dennoch fühlen sich alle angesprochen. Wenn die Menschen zu nah vor dir sitzen, suche dir bei der Begrüßung einige Zuhörer*innen aus, die dir aufmerksam und freundlich ins Gesicht sehen. Sprich genau diese Menschen während deines Vortrags direkt an.

10) Und wenn das Ganze mal so richtig schiefgeht? Das darf und WIRD irgendwann passieren. Fuck it (Christofer mit f). Dann sage ich Entschuldigung und probiere es nochmal. Unser Körper fällt zwar in Performance- und Prüfungssituationen zurück auf eine Entwicklungsstufe irgendwo weit vor dem Neandertaler, aber wir kämpfen in solchen Situationen ja nicht um’s Überleben. Und am Ende sind wir nur ein kleiner, unbedeutender, flüchtiger Punkt in einer unendlich großen Welt (Elmar Raida). Das relativiert die gefühlte Wichtigkeit jeder Situation.

Und jetzt viel Erfolg in euren Prüfungen oder auf der Bühne oder wo immer ihr auch das gerade braucht! Ihr rockt das Ding schon! Vertraut auf den Adrenalinkick und bekämpft eure Ängste :-).

#1: Jewels in a box

„Du bist so ausdruckslos und grau, dass man dich nicht mal sehen würde, wenn du alleine auf einer Bühne stehst.“

Mit diesen Worten entließ mich die fünfköpfige Iwanson Dance Centre Jury aus meiner allerersten „Tanzaudition“ (Aufnahmeprüfung). Ich nickte einsichtig, verabschiedete mich höflich und fuhr als eine der wenigen „Aussortierten“ nach Hause. Damals habe ich mehrere Tage geweint, und dann habe ich beschlossen zu kämpfen: Ich konnte mich zwischen drei Privatschulen entscheiden, schaffte den Sprung an die Hochschule für die Künste in Arnheim, erhielt zwei Stipendien an der Martha Graham School. Dort, fünf Jahre später, sagte mir der erste Mensch nach einer Show, dass es Spaß mache, mir auf der Bühne zuzusehen. Erst in diesem Moment wurde mir klar, dass das erste verheerende Urteil, das über mich als Künstlerin gefällt worden war, mich zu einer erfolgreichen Kämpferin gemacht hatte. Tanzauszubildende psychisch zu zerstören, damit sie sich in der ausbeuterischen Welt der freien Künste durchsetzen können, klingt also nach einem erfolgversprechenden pädagogischen Konzept.

Aber

Aber letztendlich habe ich in meiner Ausbildung nicht FÜR etwas, sondern vor allem GEGEN etwas gekämpft, nämlich gegen die Angst, auf der Bühne grau und unsichtbar zu sein. Wenn ich auf der Bühne nicht gesehen werde, kann ich sie verlassen – außer jemand hat aus Versehen das Licht ausgeschaltet. Heute – 30 Jahre später stehe ich alleine auf wahrlich großen Bühnen, nicht selten vor über 1000 Zuschauer*innen. Und zwar alleine. Aber gegen diese Angst kämpfe ich immer noch und keine Höchstwertung, kein Sieg, keine Fanmail, kein Kompliment kann die erste Verletzung ungeschehen machen. Deshalb stelle ich mir oft die Frage, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn die erste Jury FÄHIG gewesen wäre, das zu sehen und auszudrücken, was später viele andere Menschen gesehen haben: „a jewel in a box“, „an enormous creative potential“, „a fierce mind and body“. Ich glaube, mein künstlerischer Weg wäre glücklicher gewesen. Ich hätte das Tanzen mehr genossen und weniger erkämpft. Ich glaube, ich hätte nicht aufgehört zu tanzen. Und ich hätte heute mit Sicherheit ein anderes Verhältnis zur Bühne. Und das Bittere: Ich glaube, ich wäre genauso weit gekommen, vielleicht sogar ein Stückchen weiter.

Deshalb

Deshalb versuche ich, in meinen Schüler*innen (und in anderen Mitmenschen) Talente – egal welcher Art – zu entdecken und diese mit aller Deutlichkeit zu spiegeln: Schreibtalent, Gerechtigkeitssinn, Allgemeinwissen, klare Ziele, ein scharfer Blick für die Dynamik in der Gruppe, originelle Gedankengänge, die Fähigkeit zuzuhören oder in einem Moment zu versinken (und, und, und). Das alles hat wenig mit fachlichen Ansprüchen, aber sehr viel mit menschlicher Wertschätzung zu tun, es hat auch wenig mit irgenwelchen mechanischen Feedback-Methoden, sondern sehr viel mit achtsamer Kommunikation zu tun. Um Kritik und das Besprechen von Fehlern kommen wir natürlich weder im Berufsleben noch in unseren Beziehungen herum. Kritik kann ich allerdings nur dann annehmen, wenn die Person, die sie äußert, mir gleichzeitig überzeugend vermitteln kann, dass sie a) selbst in diesem Punkt an sich arbeitet und mich b) wertschätzt, weil sie mir einen Weg aufzeigt, wie ich diese Kritik nutzen kann, um vorwärts zu kommen. Wir möchten aufgebaut und nicht vernichtet werden. Wir möchten durch das, was andere Menschen zu uns sagen, wachsen und nicht klein gehalten werden. Wir möchten unsere Talente erkennen und leben lernen, denn wir sind alle „jewels in a box“.

Allerdings

Allerdings scheitert das ganze genau an dem Punkt, an dem Menschen in einem System sitzen, das ihnen nicht gerecht werden kann, weil es ihre Talente brachliegen lässt. Kinder mit enormen sozialen Fähigkeiten, mit bewundernswerter Geduld, mit unglaublichem manuellen Geschick, mit neuen philosophischen Denkansätzen können an Gymnasien zugrunde gehen, wenn sie einen Großteil der Schulfächer intellektuell nicht greifen können und nur noch Kritik und schlechte Noten ernten. Es ist verheerend, wenn Eltern das – und damit auch die Talente ihres Kindes – nicht erkennen. Kostbare Juwelen in einer falschen Box. Es gibt viele Systeme, in denen wir zugrunde gehen würden, weil uns die in dem System erforderlichen Stärken fehlen. Aber das macht nichts, wir können das, wenn wir Lust haben, alles ein wenig trainieren, ohne es zu unserer Berufung zu machen. Denn meine Berufung ist dort, wo meine Stärken sind, und ich erkenne sie selbst meist nur in Systemen, in denen ich sie entwickeln und ausleben kann, und gemeinsam mit Menschen, die mich aufrichtig bestärken.

Drei Fragen

Drei Fragen ergeben sich aus all diesen Überlegungen:

  • Konzentriere ich meine Wahrnehmung auf meine Talente und die meiner Mitmenschen?
  • Bewege ich mich in einem System, in dem meine Stärken zum Ausdruck kommen können?
  • Werde ich von den Menschen um mich herum bestärkt?

Wenn wir eine dieser Fragen für uns mit „Nein“ beantworten müssen, ist es an der Zeit, Dinge zu ändern. Das wirklich Praktische an diesen Dingen ist, dass wir sie selbst verändern können.

Und jetzt bist du dran: Was sind deine Stärken? Welche Menschen haben dir wie dabei geholfen, sie zu entdecken und zu entwickeln? Und wo kannst du sie ausleben? Ich freue mich auf deine Meinung, es wäre schön, wenn du dein Erfahrungen hier mit mir teilst!

„Du bist so ausdruckslos und grau, dass man dich nicht mal sehen würde, wenn du alleine auf einer Bühne stehst.“

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