#7 Nicht mehr auf meiner Couch

Seit einem halben Jahr mache ich eine Yogalehrerausbildung und das bedeutet eine intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und der eigenen Seele. Die Ausbildung bringt mich an meine Grenzen, nicht nur weil mein Körper ein narbenübersäter, verschlissener Leistungssportapparat ist, sondern weil ich ein prinzipiell emotionaler, schnell getriggerter, fordernder Mensch bin. Das ist meine Stärke und das ist meine Schwäche. Dank dieser Veranlagung entstehen große Projekte, Slamtexte, Theaterstücke, Romane und sehr viele intensive Gespräche mit Freund*innen. Aber manchmal hält diese Emotionalität mich davon ab, Dinge und Menschen ruhen zu lassen.

Ich kann menschliche Schwächen anderer relativ lang aushalten, sie erklären, ihnen nachsehen, nicht zuletzt, weil ich nicht nur das Fehlverhalten anderer Menschen, sondern vor allem mein eigenes permanent reflektiere. Die erste Frage, die ich mir in einer Problemsituation stelle, ist: Was habe ICH falsch gemacht? Liegt es an MIR? Bin ICH das Problem? Ich frage mich selbst und ich frage die Menschen um mich herum, damit sie die Gelegenheit haben, mir ihre Meinung zu sagen. Aber wir wissen alle, dass es Menschen gibt, die sich und anderen diese Fragen nicht stellen, weil sie die Schuld prinzipiell bei anderen suchen. Mit letzteren gerate ich auf regelmäßiger Basis aneinander.

Es gibt nur zwei Arten, mit Kritik umzugehen

Sicherlich ist meine Art Kritik zu formulieren nicht die galanteste, denn meine Kritik kommt sehr geballt und prinzipiell zu spät. Wenn es zu solch einem sehr unangenehmen Gespräch kommt, scheint es nur noch zwei Arten von Menschen zu geben: Die erste Art wird von denjenigen verkörpert, die ihr Fehlverhalten erkennen und sich aufrichtig dafür entschuldigen, und von denjenigen, die meine schräge Sicht auf die Dinge mit einem sehr überzeugenden Perspektivwechsel entkräften. Ich höre gut zu, erkenne mein Fehlverhalten und dann entschuldige ich mich aufrichtig, weil es mir leidtut, dass ich einer anderen Person Unrecht getan habe oder Leid zugefügt habe. Die zweite Art konfrontierter Menschen weist jede Schuld von sich, versucht sich mit absurden oder erlogenen Argumenten reinzuwaschen und findet die Schuld – wie immer – zu 100% bei anderen Menschen, insbesondere bei der Kritisierenden.

Bisher konnte ich diesen Menschen nicht verzeihen, diesen Menschen, die alle um sich herum verletzen und deshalb keine Freundschaften aufbauen können, ohne auf die Idee zu kommen, dass sie selbst für ihre Einsamkeit verantwortlich sind, diesen Menschen, die mich wirklich schlecht behandelt oder ausgenutzt haben, ohne das jemals einzusehen. Auf der einen Seite habe ich bis heute darauf gehofft, dass sie mich eines Tages um Verzeihung bitten, auf der anderen Seite wollte ich gar keine Entschuldigung hören, denn dann hätte ich diesen Menschen ja wirklich verzeihen müssen. Und wenn ich jemandem verzeihe – so dachte ich –  dann muss ich ihn/sie in meinem Haus wieder herzlich willkommen heißen, aber in Wirklichkeit möchte ich diese Menschen lieber nicht mehr in meinem Leben haben. Und das heißt – so dachte ich –  in Wirklichkeit kann ich ihnen nicht verzeihen.

Narzisstischen Arschlöchern zu verzeihen ist unmöglich?

Dank Yoga lande ich nun in so etwas wie Verzeihensseminaren. Lächerlich, dachte ich, narzisstischen Arschlöcher*innen (nein, es handelt sich in meinem Fall nicht um Exfreunde) zu verzeihen ist unmöglich. Aber ich habe gelernt. Ich habe gelernt, dass Verzeihen in meinem Fall bedeutet, Menschen zu verzeihen, die sich nie entschuldigen werden, weil sie psychisch krank sind. Ich habe gelernt, diesen Menschen zu verzeihen, ohne das Gefühl zu haben, dass sie deshalb morgen wieder auf meiner Couch sitzen dürfen, um mir wieder exakt dieselben Dinge anzutun, die sie mir früher angetan haben.

1000 Meilen in den Mokassins des anderen

„Wenn du nicht 1000 Meilen in den Mokassins des anderen gelaufen bist, hast du kein recht über ihn zu urteilen“, sagt ein indianisches Sprichwort. Das ist richtig. Wenn ich versuche, den Menschen zu verstehen, kann ich feststellen, dass seine verletzenden Handlungsmuster daher rühren, dass er/sie selbst schlecht behandelt wurde, Traumata zu verarbeiten hat oder irgendetwas mit seiner Sozialisierung schief gelaufen ist. All das hat a) nichts mit mir zu tun und sollte b) von diesem Menschen aktiv bearbeteitet werden. Ich kann Mitgefühl empfinden, habe aber trotzdem ein Recht darauf, mein Leben ohne diesen Menschen zu gestalten und ich darf ihn/sie hinter mir lassen. Das heißt: Sollten diese Menschen jemals vor meiner Tür stehen – was früher mein Wunsch und mein Alptraum zugleich war – um sich endlich für das zu entschuldigen, was war, würde ich sie in mein Haus bitten und mir ihre Entschuldigung anhören. Und dann würde ich ihnen sagen, dass ich mich wahnsinnig über ihre Einsicht freue und mein Leben trotzdem ohne sie weiterleben möchte. Es sei denn, ich hätte das Gefühl, diese Menschen hätten sich durch einen gravierendem Schicksalsschlag, einen völlig neuen Lebenswandel oder eine fundierte Therapie selbst geholfen und verändert – unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Ich hätte nicht einmal ein Problem, wenn ich diese Menschen auf irgendeiner Party treffen würde, sie können gerne einen schönen, unkomplizierten Abend unter liebenswerten Menschen haben – unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich – und nicht mehr meine Baustelle.

Ich glaube, wir dürfen unsere Türen schließen

Ich glaube, wir können unsere Türen hinter Menschen schließen und ihnen trotzdem ein schönes Leben wünschen. Was geschehen ist, lässt sich nicht rückgängig machen, aber es muss weder ein Teil von uns bleiben noch uns in die Zukunft begleiten. Ich glaube, wir können daran wachsen und psychisch gesunden, wenn wir Menschen, die uns wehgetan haben, ohne Groll hinter uns lassen. Ich glaube, es gibt genug Menschen um uns herum, die uns emotional auffangen und bereichern. Wir sollten unsere Zeit den Menschen schenken, die uns und anderen guttun, und diejenigen einfach ziehen lassen, die uns schaden. Mögen sie glücklich werden, irgendwo – auf einer anderen Couch.

Ein Kommentar zu “#7 Nicht mehr auf meiner Couch

  1. Toller Text! Verzeihen ist eine Stärke, Verzeihen bedeutet nicht dasselbe wie vergessen. Man kann verzeihen, ohne zu vergessen was einem angetan wurde.
    Wenn man jemanden verzeiht, tritt man automatisch demjenigen auch anderes gegenüber und der Andere auch-ohne das er weiß, dass ihm verziehen wurde.

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