#6: Love in Progress 2

„Eine Freundschaft ist kein Geben und Nehmen.“

Wie ich gelernt habe, (fast) nicht mehr abzurechnen.

Lebenslange Freundschaften formen uns, geben uns Halt und machen viele Momente fröhlicher und manche weniger beängstigend. Neben gegenseitiger Bewunderung für das, was den anderen ausmacht, und einem in Gesprächen aktivem Interesse am Leben des/r anderen, gehört meiner Meinung nach auch (materielle) Großzügigkeit zu tiefen Freundschaften.

In der Grafschaft Bentheim – unserer Wahlheimat – besuchen wir einander gerne spontan für einen kleinen Plausch. Es gibt immer ein „Komm doch kurz rein“ und für den Gast einen Milchkaffee. Bei Einladungen bringen die Gäste mehr Geschenke mit als ansatzweise „erwartet“ und die Gastgebenden tischen viel großzügiger auf als vereinbart. Das führt dazu, dass immer viel zu viel gegessen und getrunken, viel zu lang in die Nacht hinein geredet und wahnsinnig viel gelacht wird – ich liebe das. Aber nicht alle Menschen haben die finanziellen Möglichkeiten, großzügig zu schenken oder aufzutischen, magst du jetzt vielleicht denken. Ich würde dir recht geben, käme diese Großzügigkeit nicht nur, aber oft von den Menschen, deren Geldbeutel nicht so prall gefüllt ist.

Großzügigkeit ist unabhängig von Einkommen und Sparsamkeit

Sie hat eben nichts mit den jeweiligen Einkommensverhältnissen zu tun, sondern resultiert vielmehr aus dem Bedürfnis heraus, es den Gästen richtig schön zu machen und den Gastgebenden besonderen Dank zu erweisen. Sie schließt auch kein prinzipiell sparsames Leben aus, sondern bedeutet lediglich, dass wir vielleicht für uns selbst, aber eben nicht an unseren Mitmenschen sparen.

Ich war lange Zeit meines Lebens ein geiziger Mensch, habe beim gemeinsamen Essen genau abgerechnet, mich durch den Kühlschrank anderer Menschen gefressen, großzügige Geschenke haben mich unter Druck gesetzt, denn auch ich selbst habe lieber weniger geschenkt als zu viel. Der erste Mensch, der mir gezeigt hat, dass das Gegenteil viel glücklicher macht, war meine Freundin zu Berliner und New Yorker Tanzzeiten. Ihre Eltern waren Gastarbeiter aus Kroatien – die Mutter stand am Fließband, der Vater auf dem Bau, das Geld war immer knapp. Kam ich zu Besuch, gab es Essensberge, wie ich sie noch nie bei einer Einladung gesehen hatte. Was nicht aufgegessen wurde, bekam ich tütenweise mit nach Hause – für morgen und übermorgen und für überhaupt. Eine ähnliche Kultur des miteinander Lebens und einander Gebens habe ich auch bei polnischen, griechischen, iranischen, italienischen Einladungen erfahren.

Großzügigkeit hat eher etwas mit Wollen als mit Können zu tun.

Eben diese kroatische Freundin hat mich auch vor fast dreißig Jahren gelehrt, in Freundschaften nicht abzurechnen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie wir an der Kasse eines Supermarktes standen – beide am Existenzminimum lebende Tänzerinnen Anfang zwanzig. Ich hatte nicht genug Geld dabei, sie zahlte den Einkauf, ich versuchte genau auszurechnen, was ich ihr schuldig war, um ihr das Geld zu Hause zurückzugeben. Sie war sichtlich empört, erzählte mir, wie deutsch das sei, immer abzurechnen und die Rechnung aufzuteilen. Es sei ihr viel zu mühselig, alles miteinander zu verrechnen, und sie vertraue darauf, dass sich am Ende alles ausgleiche. Und wenn es sich nicht ausgleiche, sei ihr das auch egal. Das zu lernen, war für mich ein langer Prozess. Es bedeutete, meine Sparsamkeit nicht auf die gemeinsame Zeit mit Freund:innen zu übertragen, und meine Angst abzulegen, finanziell ausgenutzt zu werden. Ich muss gestehen, dass ich nie aufgehört habe, ein wenig mitzurechnen: Die meisten Menschen um uns herum bringen immer beschämend viel mit auf Partys und es sind nie die mit dem kleinen Budget, die – huch – wirklich aus Versehen die Flasche Sekt zuhause auf dem Tisch stehen lassen. Das macht nichts, wirklich nicht, denn andere haben ja umso mehr mitgebracht. Wie gesagt – die Freundin mit kroatischen Wurzeln würde nicht einmal das registrieren. Es wäre ihr egal. Ich rechne leider doch noch ein wenig mit und stelle fest, dass sich am Ende wirklich immer alles ausgleicht. Oft auch in immaterieller Form:

Geld macht Geizige nicht glücklich.

Die Grafschafter haben uns übrigens noch eine ganz andere Form der materiellen Großzügigkeit gelehrt: Hier helfen die Menschen einander auch beim Renovieren, Umbauen, Ein- und Umziehen und auch das ist letztendlich materielle Großzügigkeit, weil wir unsere Zeit zur Verfügung stellen und gemeinsam anpacken. Profis werden nur dann geholt, wenn der Freundeskreis nicht aushelfen kann. Und die Stunde eines Tischlers ist ebenso viel wert wie die Stunde des Rechtsanwalts, denn hier geht es nicht um einen gesellschaftlich anerkannten Stundenlohn, sondern um Zeit, die wir einander schenken. Menschen, die immer und überall sofort zur Stelle sind, nennen wir „Grafschafter Gold“. Seit ich mit meinem über zwei Meter großen, muskulösen und unglaublich gutmütigen Zimmerer zusammen bin, staune ich übrigens immer wieder darüber, wie viele emotional verarmte Menschen (meist Männer) mit Arroganz auf Handwerker reagieren, aber sich durchaus gerne kostenlos als „Freundschaftsdienst“ einen Küchenschrank einbauen lassen. Sorry, du musst den Handwerker schon bezahlen, wenn deine Arroganz nur Freundschaften in der upper class zulässt.

Am Mangel genau dieser Art von Großzügigkeit erkenne ich übrigens auch die Menschen, die in der völlig absurden und selbstbeweihräuchernden Vorstellung leben, dass sie sehr großzügig wären, wenn sie denn nur etwas mehr Geld hätten. Wer für jedes Gespräch und jede kleine Hilfe Termine vergibt, die vor allem in den eigenen erstaunlich unflexiblen Kalender passen, ist nicht großzügig. Wir schenken einander in Freundschaften nämlich vor allem Zeit, ja, auch dann, wenn es gerade terminlich nicht so gut passt, und Mühe, ja, auch dann, wenn wir gerade selbst viel zu tun haben, und Verständnis, ja, auch dann, wenn es uns gerade selbst schlecht geht. Finanzielle Aufwendungen sind nur eine von vielen Möglichkeiten zu schenken. Menschen, die mit Geld und Zeit geizen (und ich spreche nicht von Sparsamkeit und nicht von Menschen, die von der Hand in den Mund leben), haben sicherlich auch so etwas wie Freundschaften, aber ich bin mir ganz sicher, dass da etwas Entscheidendes fehlt. Eine Freundschaft ist kein Geben und Nehmen.

Eine Freundschaft ist ein Geben und Geben.

Weil es beiden Freude macht. So einfach ist das. So zu denken und so zu leben, lässt sich lernen, die Grafschafter Großzügigkeit beschämt uns immer wieder und meine Freundin wird mich immer wieder in Situationen bringen, in denen ich erkennen muss, wie kleinherzig ich bin, aber ich arbeite dran – love in progress eben :-). In unserem Haus wird es hoffentlich immer einen spontanen Milchkaffee geben und Dolce-Vita-Pizza-Abende, ein Gästezimmer für Gestrandete und ein Plätzchen zum Reden auf unserer Couch. Denn das macht uns glücklich. So einfach ist das.

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