#3 Arbery und Floyd

Bild: Facebook

Die Frage ist nicht: Wie laut kann ich schreien? Die Frage ist: Was kann ich tun?

Der Afro-Amerikaner Ahmaud Arbery wird am 23. Februar 2020 von einem ehemaligen weißen Polizisten und dessen Sohn erschossen. Ein Aufschrei geht durch die Medien. Wir sind wütend und traurig. Wir fordern Gerechtigkeit und Veränderung. Drei Monate später läuft die Aufklärung des Falls immer noch schleppend. Ein wenig Gras wächst gerade drüber. Unsere Gedanken sind schon wieder ganz woanders, doch dann wird am 20. Mai 2020 der Schwarze George Floyd auf brutale Weise von rassistischen Polizisten ermordet. Ein Aufschrei geht durch die Medien. Wir sind wütend und traurig. Wir fordern Gerechtigkeit und Veränderung. Aber irgendwann ist die Frage nicht mehr: Wie wütend bin ich und wie laut kann ich das in die Netzwerke schreien? Die Frage ist, was ich persönlich im Moment tun kann.

Also gebe ich meinem Kurs Darstellendes Spiel je einen Zeitungsartikel zu den beiden Morden mit der Aufgabe, das Geschehene als Theaterszene zu inszenieren. Allerdings darf das Publikum von der Handlung NICHT emotional berührt werden, sondern muss das Gesehene mit klarem Verstand analysieren können, um dann das eigene Handeln zu überdenken und zu verändern. (Ansatz: Bertold Brecht)

Erkenntnis #1: Wir brauchen emotionalen Abstand, um klar zu denken. „Wie kann man von so etwas Schrecklichem nicht betroffen sein“, fragt eine Schülerin aufgebracht. Sie hat sich am Tag zuvor das 8-minütige Video des Mordes angesehen. „Tut mir leid, aber das kann ich nicht.“ Ein Großteil der Schüler*innen entscheidet sich deshalb für eine Szene über Arberys Ermordung vor drei Monaten. Kein Wunder. Offensichtlich müssen wir Dinge erst einmal fühlen, damit sie uns wachrütteln, dann aber müssen wir etwas Abstand gewinnen, um klare Gedanken fassen zu können.

Erkenntnis #2: Es geht um mehr als „Fuck racism“. Die Schüler*innen sind sich einig, dass die Message „Rassismus ist scheiße“ lauten muss. Das ist allerdings ein bisschen wenig, denn das denken die meisten Menschen hoffentlich ohnehin schon, wenn sie unsere Vorstellung betreten, wir würden also keine Veränderung bewirken mit unserem Stück. Unsere Aufgabe ist es, deutlich mehr aufzuzeigen als „Fuck racism“. Die Schüler*innen beginnen zu arbeiten, in diesem Fall heißt das nachzudenken.

Erkenntnis #3: Ich bin zu weit gegangen. „Wie kann ich den brutalen Mord an einem Unschuldigen denn bitte so darstellen, dass der Zuschauende kein Mitleid empfindet?“, fragt eine andere Schülerin frustriert. „Und ist das überhaupt erstrebenswert?“, ergänze ich insgeheim. Denn genau deswegen fand ich Brechts „episches Theater“ immer zu kopfgesteuert, zu gefühlskalt und irgendwie am Menschen vorbei. Brecht zwingt das Publikum mit dem Einsatz von Verfremdungseffekten zu emotionaler Distanz: Die Schauspieler*innen verlassen zum Beispiel einfach ihre Rollen für einen direkten Appell oder einen kritischen Kommentar zum Geschehen; Plakate, Banner und Videos leisten Ähnliches. Der Unterricht droht zu kippen, ich denke, ich bin zu weit gegangen. Es ist unmoralisch, George Floyds grausamen Tod zu einer Stunde über Brechts Theateransatz zu machen. Was habe ich mir bloß dabei gedacht? Dann aber zeigen mir zwei Inszenierungsideen aus dem Kurs, was emotionale Distanz in der Kunst für eine Wirkung entfalten kann:

Erkenntnis #4: Verharmlosung – Arbery joggt auf einem Laufband, hinter ihm läuft das Video einer Cartoon-Landschaft in bunten Farben. Über Lautsprecher kommentieren zwei männliche Stimmen, wie „abartig“ und „zum Kotzen“ das sei. Dann betreten zwei weiße Männer die Bühne. Arbery stolpert und fällt. Kurz ist es still, bis die weißen Männer anfangen zu lachen. Arbery lacht mit, steht wieder auf. Der Schauspieler sagt: „Arbery ist nur gestolpert“ und geht. Samuel Neubauers Ansatz bringt das Problem der Verharmlosung von rassistischen Morden in der Öffentlichkeit und in der Ermittlung auf den Punkt.

Erkenntnis #5: Erziehung – Drei Kinder spielen miteinander Fangen. Die zwei weißen Jungs sind als Polizisten verkleidet und jagen den schwarzen Jungen. Sie erschießen ihn mit ihren Wasserpistolen. Der Junge stellt sich tot, dann steht er auf und das Spiel geht weiter. Das Video des Mordes an Arbery wird eingeblendet. Das scheinbar harmlose Kinderspiel wird Jahre später fürchterliche Konsequenzen haben. Delal Fakioglus Inszenierungsidee zeigt, dass die Bekämpfung von Rassismus in der Erziehung anfängt und wir schon ganz früh zu Mitgefühl, Toleranz und Achtsamkeit erziehen müssen.

Fazit

Wut und Trauer lassen uns laut nach Veränderung schreien, aber damit haben wir noch nichts bewirkt. Wenn wir uns emotional gefasst haben, müssen wir erfahrene Missstände gezielt und mit Verstand aufarbeiten, um unsere Gesellschaft nachhaltig zu verändern. Schule ist ein Raum dafür, denn dort sitzen die Denker*innen von morgen und haben jetzt schon geniale Ideen. Die Kunst ist nur eine Möglichkeit von vielen.

Wer auch immer du bist, was auch immer du tust, auch in deinem Rahmen hast du die Möglichkeit, Dinge zu verändern, die dich wütend und traurig machen – und zwar so:

Feel, think, create, share.

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